19 Juli 2011

Scharf, schärfer, Erwin



Es ist am frühen Morgen, als ich mit den Söhnen Richtung Kindergarten aufbreche. Auf halber Strecke bemerke ich, daß Sohn 1 seinen Helm zu Hause vergessen hat. Während er schnell zurück nach Hause fährt, warten Sohn 2 und ich, unterhalten uns. Wir bemerken einen sympathischen, älteren Herren, der sich in Arbeitskleidung zu uns gesellt. Offenbar hat er mitbekommen, weshalb wir da stehen und warten. Wir kommen ins Gespräch. Erwin kommt aus Norddeutschland. Er ist mobiler "Schleifer" - ich weiß garnicht, was die korrekte Berufsbezeichnung ist. Nachdem ich meine Kinder im Kindergarten habe, schaue ich an seinem Bus vorbei, den er unweit geparkt hat. Ich habe in windeseile sämtliche stumpfe Messer, Scheren, Äxte im Haus zusammen gesucht und stehe nun erwartungsvoll vor ihm. Hinten in seinem Bus befindet sich sein Arbeitsplatz. Die Äxte, ich gebe zu, die gehören eher ins Museum. In einem Axt-Griff wohnt sogar der Holzwurm. Erwin ist ein netter, aufgeschlossener Typ. Ich bin es auch. Während er sich gewissenhaft an die Arbeit macht, schaue ich ihm mit großem Interesse über die Schulter. Über eine Stunde leiste ich ihm Gesellschaft. In dieser Zeit erzählt mir Erwin von seiner Familie, seiner Frau, den Kindern und den Enkeln. Die liegen ihm ganz besonders am Herzen. Am Ende verabschieden wir uns wie uralte Bekannte ganz herzlich voneinander. Ich bin nun in seiner Kundendatei erfaßt und werde in Zukunft automatisch vom Schleifer meines Vertrauens kontaktiert. Zum Abschied warnt Erwin mich eindringlich: "Denk' dran... die Messer sind jetzt sehr scharf!" Als ich später ein Müsli mit Obst zubereite passiert es. Ich schneide mir prompt in den Daumen. Ich bemerke es erst, als meine Kinder beim Anblick des herabtropfenden Blutes erschrocken aufschreien. Der Schmerz setzt erst später ein. Erwin, ich fürchte, ich werde künftig noch öfter an Dich denken. Aus Gründen der Vernunft habe ich es bislang vermieden, eines der Äxte in die Hand zu nehmen. Wer weiß, welch' Malheur mir dadurch erspart geblieben ist bislang.

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