31 Juli 2014

Falshöft


Falshöft habe ich vor ca. 10 Jahren durch meine Freundin G. kennen gelernt, als ich damals meinen Vater im Norden besuchte. Die alte Dame ist in diesem Jahr 81 jährig verstorben. Wir haben viele schöne Dinge miteinander geteilt. Damals waren nur wir  dort, genossen einen schönen, sonnigen Tag am Strand. Wir sammelten Steine und zu guter Letzt zeigte sie mir das Cafè Lichthof, nur wenige Fußminuten vom Strand entfernt. Dort genossen wir gemeinsam köstlichen Kuchen und Kaffee bei bester Unterhaltung.

 

Diesmal war ich mit den kleinen Herren dort - ein spontaner Entschluß brachte uns an die See - mit reichlich Fahrtzeit, denn Falshöft ist nicht bei uns umme Ecke. Die Fahrt war begleitet von den üblichen Zänkereien, bis Sohn1 sagte: "Irgendwann bringe ich dich wirklich noch um...!" Wir haben alle drei so sehr lachen müssen. Ab da war's glücklicherweise wieder vorbei mit dem Gezanke. Ja, manchmal kann ich durchaus nachvollziehen, daß es sogar Mütter geben soll, die zu Crystal Meth greifen... Wir hatten bessere Alternativen.


Cafè Lichthof von vorn: rechts und links kann man im Garten unter freiem Himmel speisen. Uns war's zu heiß, so daß wir freiwillig ins Hausinnere geflüchtet sind. Hier einpaar Innenansichten von der urigen Einrichtung.

 

 

Kleinere Ausstellungen kann man bewundern und bei Gefallen erwerben.

 

Es gibt diverse Räume im Hausinneren, wo man es sich bequem machen darf.

 

Toll finde ich hier den Boden. Ähnliches hätte ich auch gerne auf der unteren Etage bei uns. "Paßt nicht!", sagt mein Mann. Aber wer bestimmt schon, was paßt und was nicht?! Ich träume auch weiterhin davon...

 
Immer wieder kleine, gut gefüllte Ecken, die zum Verweilen und Schauen verleiten.

 

 

Ein alter Setzkasten mit schönen Strandfunden.

 

Die täglich frisch zubereiteten Backwaren gehen weg wie nichts, sind aber auch unglaublich mächtig. Wir haben alle unsere Stücke nicht geschafft.

 

 

Auch wenn wir nicht alles geschafft haben, pappsatt sind wir irgendwann wieder gegangen.

 

Und in diesem Raum hier haben wir gesessen...

 

Dieses Urige ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber die selbstgemachten Kuchen und Torten, sowie auch herzhafte einfache Platten sind nach einem Strandtag in jedem Falle einen Besuch wert.

26 Juli 2014

Das Leben ist schön!

 

In unserer Region gibt es einige schöne Sandstrände. Die sind bei schönem Wetter meist gut besucht, so daß es mich so gut wie nie dorthin zieht. Vor Jahren haben wir ein idyllisches Fleckchen Erde aufgetan, was den meisten Menschen hier unbekannt ist. Dort sind wir gerne. Spontan habe ich den halben Hausstand zusammen gepackt und bin gegen Abend mit den Söhnen zu unserem Strand gefahren, wo wir zuletzt auch mit meinem Vater waren.

 

"Hier Mama, das kannst du mal in deinem Blog zeigen...!", sagt Sohn 1 ;-)...


Das Meer ist so aufgeheizt, daß es kaum Abkühlung bietet.

 

Wenn ich den kleinen Herren zusehe, dann bin ich einfach nur glücklich - so glücklich, wie man nur sein kann.

 

Dieses Zweiergespann kann so unerbittlich und nervenaufreibend streiten manchmal - und dann ist es einfach nur gut.

 

Sich austoben im Meer ist so wunderbar! 
Ein Bild so voller Kraft und Lebensfreude...

 

Und endlich dürfen die Flöße auch mal zu Wasser gelassen werden, die hier schon seit Monaten auf einen geeigneten Moment gewartet haben.

 

Weit und breit kein Mensch zu sehen.


Während die Söhne mit ihren Flößen beschäftigt sind, beobachte ich sie von Land aus und schaue auf's Meer. Was mein alter Herr wohl gerade macht?...


Eine kleine Stärkung zwischendurch. Heute wollen wir bis zur Dunkelheit hier bleiben.

 

Der Kleine buddelt...


...und buddelt...

 

und tut sich mit dem großen Bruder zusammen. Alte Backsteinüberbleibsel werden pulverisiert und mit Wasser und Sand zu geheimnisvollem Matsch verrrührt.

 

Langsam geht die Sonne unter.

 

In "Klein-Bullerbü" darf nie das Feuer fehlen.

 

Von soviel Naturnähe bleiben auch kleine Jungs nicht unbeeindruckt.
"Sooo schön ist das hier, Mama...!"

 

Kleinste Strandschätze werden in Augenschein genommen.

 

Die leergefutterte Nußdose wird als ein willkommenes Handarbeitsgerät eingesetzt.

 

Bestimmt schläft mein alter Herr schon. Als ich zuletzt mit ihm telefonierte, da wirkte er so abwesend. Ob er da gerade auf der "Lichtung" war, oder im "Nebel"...?  Ich weiß es nicht.

 

Kinder sind beneidenswert: völlig versunken in seiner Tätigkeit ist Sohn 2.

 

Der Himmel zaubert immer wieder neue Farben. Bis zur totalen Finsternis könnte ich es hier aushalten.

 

Mit einem Mal wird es zügig dunkler. Schnell noch einpaar Wasserrationen für die Feuerstelle holen, um alles zu löschen.

 

Ein letzter Blick auf's Meer hinaus: und wieder hallen im Geiste die Worte meines Vaters nach:  

"Das Leben ist schön! Man muß das Leben genießen..." 

Seine bedeutungsvollen Worte und auch weitere, die werde ich in meinem Herzen bewahren. Sie sind es, die mich nun trösten in seiner Abwesenheit.

 

Ein Glück, daß ich eine Taschenlampe mit eingepackt hatte, sonst hätten wir nicht mehr alle unsere Sachen zusammen suchen können.

 

Ein wunderschöner Tag neigt sich dem Ende entgegen. Wir haben uns von der Natur umarmen, die Gedanken schweifen, und die Seele baumeln lassen. 

Und denkt daran:

"Das Leben ist schön! Man muß es genießen."

23 Juli 2014

Das Vermächtnis meines Vaters

 

Es ist bereits einige Zeit her, daß diese Unterhaltung mit meinem Vater während einer Pause auf der Parkbank stattgefunden hat. Sie ist mir so kostbar, daß ich sie mit euch teilen möchte. Auf unseren Spaziergängen habe ich stets meine Kamera dabei. Während mein Vater sich etwas ausruht, fummle ich daran herum, habe die Videofunktion eingeschaltet. Ich filme ihn und stelle ihm spontan folgende Frage: 

"Papa, wenn du der Nachwelt eine Botschaft zu hinterlassen hättest, was wäre das?"

Mein Vater schaut teilnahmslos geradeaus. Mir ist, als hätte er mich garnicht gehört, so abwesend wirkt er. Gerade will ich die Kamera ausmachen und aus der Hand legen, fängt er plötzlich an zu sprechen.

"Das Leben ist schön."

Mir stockt der Atem, und ich filme weiter.

"Hast du dein Leben genossen, Papa?"

"Oh ja! Das habe ich..."

Ich bin völlig fassungslos, habe ich doch weder mit einer Antwort gerechnet, noch mit solcher Tiefsinnigkeit, zu der mein Vater trotz seiner schweren Demenz überraschenderweise immer mal wieder in der Lage ist. Er spricht weiter:

"Das Leben ist schön! Und ich habe es genossen. Manch' einer weiß noch nicht einmal, daß er etwas zu genießen hat. Man muß das Leben genießen."



In der vergangenen Woche war ich unendlich angespannt. So Vieles gab es noch zu erledigen, oder zu bedenken vor der Abreise. Der Abschiedsschmerz tat sein Übriges. In den Monaten, die mein Vater hier mit uns gelebt hat, haben wir, habe ich, mein Bestes gegeben. Als ich ihn ein letztes Mal wusch und zu Bett brachte, gab ich mir alle Mühe, ihm freudestrahlend mit bleischwerem Herzen mitzuteilen, daß nun endlich seine letzte Nacht bei uns angebrochen sei. Daß er am nächten Tag in seine geliebte Heimat zurück fliegen werde. Ein letztes Mal habe ich seinen Koffer gepackt. Ich habe zwei Nachtschichten eingelegt, um ihm zwei Fotoalben mit unseren gemeinsamen Fotos aus dieser Zeit mitzugeben, die er sich dort anschauen kann. 

Am letzten Tag vor seiner Abreise goß ich im Garten die Pflanzen, während er mir zusah.
"Seni, bahçeyi sularken hayal edeceğim..." ("In meinen Gedanken werde ich dich sehen, wie du den Garten gießt..."), sagte er da zu mir. Ich habe ihn daraufhin wortlos in meine Arme genommen.



Mein Vater ist wohlbehalten an seinem Zielort angekommen. Bis ich diese Nachricht erhalten habe, war ich einer Ohnmacht nahe. Ich wünsche ihm, daß er sich dort schnell wieder einleben und bei der Haselnußernte die Hilfe sein kann, die er immer so gerne sein wollte.

Auch wenn Vieles mit reichlich Arbeit verbunden war, so fehlt mein Vater uns allen hier sehr. Wir hatten so viele Rituale, und unsere gemeinsamen Tage liefen reibungslos ab. Alles war besser mit ihm, als ohne ihn zu sein. Er fehlt mir sehr.

16 Juli 2014

Arno Geiger - "Der alte König in seinem Exil"

 

Sandra  hatte mich mit einem ihrer Kommentare erstmals auf dieses Buch aufmerksam gemacht, später auch Brigitte. Ich hatte also mitbekommen, daß es dieses Buch gibt und hatte sogleich erste Auszüge aus dem Internet dazu gelesen. Gestern bekam ich direkt zwei Mal Post: im ersten Umschlag kamen von Roswitha zwei Bücher für die kleinen Herren an, neben so freundlichen Zeilen für mich. Brigittes Päckchen enthielt ihr zweites Exemplar, welches sie mir netterweise mit ebenso freundlichen Worten zuschickte. Mein Vater war dabei, als ich alles auspackte. Er weiß, daß ich hier auch über ihn schreibe und seine Krankheit thematisiere. Er findet das gut. Zum Thema Demenz hat mein Vater eine ganz klare Meinung: 

"In der Türkei ist Demenz nicht wichtig!", sagt er.
"Wie meinst du das?"
"Dort gibt es die Familie. Sie kümmert sich. Da ist das nicht schlimm."

Das heißt aber nicht, daß ihm sein Zustand nicht bewußt ist, und er die stetig voranschreitenden Verluste nicht schmerzhaft zur Kenntnis nimmt. "Was ist nur aus mir geworden?", sagt er dann. 

Als ich ihn kürzlich rasierte und wusch, ihm frische Sachen anzog, sagte ich: 

"So, jetzt siehst du mindestens zehn Jahre jünger aus. Du siehst wirklich toll aus Papa!"
"Ja, so toll wie ein Sportwagen mit kaputtem Motor..."


Ich erzähle ihm grob, wovon das Buch handelt und sauge es die nächsten fünf Stunden in mich hinein...                                                            

Nicht, daß ich so anmaßend wäre mich mit einem gestandenen Schriftsteller vergleichen zu wollen, aber zeitweilig ist mir, als hätte ich einzelne Passagen dieses Buches selbst geschrieben. So viele Begebenheiten daraus sind mir auf erschreckende und sogleich tröstende Weise vertraut. Und beim Lesen schmerzt mich erneut die Tatsache, daß ich erst vor vier Monaten begriffen habe, wie es um meinen Vater steht. Auch der Familie Geiger ging es so. Besonders die Dialoge, die Arno Geiger mit seinem Vater im Buch aufführt, haben mich interessiert. Und auch da gibt es verblüffende Ähnlichkeiten. 

"Mein Kopf ist steckengeblieben", sagt mein Vater, als er merkt, daß ihm die Worte fehlen. Er hat manchmal Wortfindungsschwierigkeiten, redet auch mal wirr, so daß man Mühe hat ihm zu folgen. Dann sagt er völlig zusammenhangslose Sachen wie: "So, jetzt kannst du den halben Apfel zurück senden." Solche Sätze lassen mich allein in meiner Ratlosigkeit. Mit normalem Verstand ist da nicht hinterher zu kommen. Wo ich früher angefangen hätte mit Gegenfragen weiter zu bohren, wohlmöglich noch zu diskutieren, um ihn gänzlich zu verunsichern, aufzuregen oder gar zu ängstigen, gebe ich jetzt nach. Ich sage dann: "Ist gut, mache ich Papa."


Wenn ich meinen Vater anschaue, sitzt er am liebsten vor der Haustür, schweigt und beobachtet. Oft senkt er sein Haupt und bedeckt mit den Händen das Gesicht, um so den schwer gewordenen Kopf abzustützen. Wer kann schon wirklich ermessen, was für eine bleierne Leere sich in seinem Kopf ausbreitet... In den letzten Monaten habe ich ihm immer wieder Angebote gemacht, in der Hoffnung ihn etwas zu "beleben" in seiner Monotonie. Neben unserem täglichen Spaziergang gehörte es ebenfalls zu meinen Angeboten, daß wir aus einer Masse Figuren formen. Mein Vater hat das bereitwillig mitgemacht, jedoch konnte ich keine nennenswerte Schaffensfreude  an ihm entdecken. Früher war er so kreativ - mit seinen Händen, seinem Geist, er hat so gut und gerne gezeichnet und gemalt. Als ich ihm irgendwann eine Leinwand auf den Tisch packe und ihn frage, ob er nicht etwas mit den Farben malen möchte, sagt er: "Hätte ich das gewußt, wäre ich schon früher zu Bett gegangen." Dennoch nimmt er die Farben mit dem Pinsel auf und trägt diese ganz behutsam auf. Am Ende entstehen zwei abstrakte Bilder in kleinerem Format, die er sogar mit einem Kürzel seines Namens signiert. "Fertig!", sagt er erleichtert und lacht. Für ihn scheinen sie weiter keine Bedeutung zu haben. Für mich bedeuten sie die Welt...

Ein lauer Sommerabend. Ich mache ein großes Feuer im hinteren Garten. Die Söhne freuen sich sehr darüber, bedeutet das doch eine lange Nacht auch für sie. Mein Vater geht meist früh zu Bett. Auch an diesem Abend ist es so, daß er sich bereits zurück gezogen hat. Dennoch gehe ich nochmal zu ihm und sage, wie schön es wäre, wenn er sich aufraffen und sich nochmals zu uns gesellen könnte. Zu meiner großen Überraschung kommt mein Vater tatsächlich in Schlafkleidung heraus. Es sind Momene wie diese, die ich festhalten möchte für die Ewigkeit. Die kleinen Herren, mein alter Herr und ich sitzen am lodernden Feuer und nagen frisch gegrillte Maiskolben ab. Seitdem mein Wortschatz unfreiwillig um die Begrifflichkeit der Demenz erweitert wurde, fürchte ich mich vor einer Sache ganz besonders: vergessen und somit bedeutungslos zu werden. Ich habe furchtbare und leider durchaus berechtigte Angst davor, daß mein Vater mit der Zeit sich, uns und unsere gemeinsame Geschichte einfach vergessen wird. Und völlig unkontrolliert bricht alles aus mir heraus: "Papa, bitte... bitte vergiß uns nicht! Bitte vergiß mich nicht!" Mein Vater nimmt mich in seine Arme und wir schluchzen: "Wie..., sag' mir, wie könnte ich dich..., euch je vergessen? Wie soll das gehen??..." 

Seitdem mein Vater wieder bei uns ist, habe ich unzählige Bilder von ihm gemacht. Immer wieder. Es gibt sogar zwei Videosequenzen mit ihm, die mir unendlich kostbar sind. 

"Was machst du da?", fragt mein Vater.
"Ich mache Bilder von dir".
"Warum tust du das?"
"Das soll mich trösten, wenn du wieder zurück in der Türkei bist, und ich dich nicht mehr sehen und in meine Arme nehmen kann."
"Du wirst allein sein...  allein."
"Allein nicht, aber ohne dich werde ich sein."
"Zerrissen..."
"Was ist zerrissen...?", frage ich irritiert, während mein Blick oberflächlich seine Kleidung absucht.
"Die eine Hälfte dort, ihr hier."
"Egal wo du bist, immer wirst du tief in meinem Herzen sein. Und ich weiß, daß wir auch in deinem sind. Dort werden wir uns begegnen."
"Die Liebe bleibt", sagt mein Vater.


Mein Vater ist an Demenz erkrankt. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Aber ich empfinde es auch nicht hilfreich ausschließlich von der Düsternis dieser Krankheit zu erzählen, noch mehr Angst zu schüren, als die Menschen ohnehin schon bei so einer Diagnose haben. Jeder Betroffene und seine Angehörigen müssen im Laufe der Zeit ihren ureigensten Weg im Umgang damit selber finden.  Die Krankheitsverläufe können individuell verschieden sein, oder sich auch ähneln. In Arno Geigers Buch habe ich meinen Vater und uns sehr oft wieder gefunden. Es ist ein so zärtliches, so berührendes Buch über die Liebe. Ich verurteile niemanden, der andere Wege geht, als wir das tun. Alleinig ausschlaggebend für mich und mein Handeln ist, was der Wunsch meines Vaters ist. Für mich war mein Vater immer ein sehr charakterstarker, kluger, ja beinahe schon ein weiser Mann. Das ist z.T. immer noch deutlich sichtbar. Und wenn er wieder zurück gekehrt sein wird in sein geliebtes Heimatland, in den Schoß der Familie, dann... ja dann wünsche ich ihm Menschen, die nicht nur wissen, wer er mal war, sondern auch sehen und spüren können, wer er noch immer ist.

10 Juli 2014

Mein Vater, sein Koffer und ich...

Bei einer Demenz geht es schleichend, aber unbarmherzig bergab. Das Fortschreiten des Verfalls ist unaufhaltsam. Mit Demenzkranken kann man je nach Fortschritt der Krankheit nicht "normal" kommunizieren. Sicherheit und Geborgenheit sind sehr wichtig für alle Menschen - für Demenzkranke aber ganz besonders. Mit dieser Krankheit wurde ich bewußt konfrontiert vor vier Monaten. Alles, was vorher war, habe ich als altersbedingte Tüddeligkeit meines Vaters abgetan. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, daß mein Vater, dieser blitzgescheite Mann, an einer so verheerenden Krankheit leiden würde. Wir sehen uns einmal im Jahr für mehrere Monate. Zwischen den Besuchen meines Vaters liegen meist ca. 8 Monate. Schon das letzte Mal, als er hierher kam spürte ich ganz deutlich etwas in seiner allerersten Umarmung, das ich damals nicht konkret benennen konnte. Mein Vater war älter geworden, na klar! Aber Demenz war damals noch kein Thema für mich. Erst im Rückblick begann ich allmählich zu verstehen. Vor vier, fünf Jahren gab es immer mal wieder erste, kaum merkliche Anzeichen, Hinweise... Das weiß ich heute. Während ich so lange nichts ahnte, schritt die Krankheit unbarmherzig voran. Erst in diesem Jahr gab es so absurde Situationen, daß mir mit einem Mal der Vorhang vor meinen Augen beiseite gerissen wurde. Ich war erschüttert. Wie konnte ich so lange nichts davon mitbekommen haben? Wie war das nur möglich? Auch ohne ärztliche Diagnose sah ich alles glasklar mit einem Mal: mein inniglich geliebter Vater war an Demenz erkrankt.

Es gibt viele Formen der Demenz. Alzheimer ist beispielsweise eine davon. Hier macht man kleinste Formen von verborgenen Schlaganfällen für die Krankheit verantwortlich. Aber auch der Vitamin B12-Stoffwechsel kann eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Ich habe in meiner  tiefen Verzweiflung alles über Demenz gelesen, was das Internet hergab. Dabei war mir ziemlich egal, an welcher besonderen Form der Demenz mein Vater erkrankt ist. Mir ging es in erster Linie darum, wie ich meinen Vater unterstützen, ihm eine Hilfe sein kann.

Von einpaar Dingen und meiner persönlichen Erfahrung mit meinem Vater möchte ich euch hier erzählen. Vielleicht gibt es gerade jetzt jemanden da draußen, der sich auch mit der Schreckensdiagnose Demenz befassen muß. Ich traue mich das kaum zu denken, aber... vielleicht führen meine Zeilen dazu, nicht gänzlich zu verzagen. 

Als ich mich einigen Menschen meiner Umgebung anvertraute, waren die Reaktionen nahezu alle gleich: "Oh Nein!! Du Arme! Das ist hart/schwer", oder "In welches Heim wird er kommen?" usw.usf... Natürlich kannten nahezu alle irgendwen mit gleichem Schicksal aus der direkten Verwandtschaft oder Nachbarschaft, wo man mir in allen Details vom Untergang des Lebens (sowohl des eigenen, als auch von dem des Kranken) berichtete. Und ausnahmslos immer hörte ich von den abgrundtief "bösen Alten", die so unfaßbar schrecklich geworden waren, widerspenstig, kaum zu bändigen und ungerecht. Ich war gelähmt vor Angst, so unendlich verzweifelt und traurig. Selten in meinem Leben habe ich soviel geweint. 

Gerade in der ersten Zeit hatte ich mit meinem Vater zwei Erlebnisse, wo er außer sich war. Später erst verstand ich, daß der Fehler bei mir liegen mußte. Er hatte lediglich auf mich reagiert. Ich hatte ihn ganz klar überfordert. Meine Entscheidung, aus Vernunftgründen seinem Wunsch nicht nachzukommen, würde jedem "Normaldenkenden" sofort einleuchten - für meinen kranken Vater war das eine echte Katastrophe. Und wie der Mensch auf Katastrophen reagieren kann, darauf muß ich hier nicht weiter eingehen...

Liest man Seiten über Demenzkranke, dann taucht irgendwann der Begriff der "Validation" auf. Validieren heißt nichts anderes als etwas für "gültig" zu erklären - in diesem Falle, die Realtität des Kranken für gültig zu erklären. Dabei sollte es darum gehen, eine echte und tiefe Wertschätzung aufzubringen, den Demenzkranken mit seinen Gefühlen und Gemütszuständen ernst zu nehmen - auch wenn es durchaus Situationen geben kann, in denen das einem schwer fallen kann. Die Gefühle und Antriebe von Demenzkranken sind keine Hirngespinste. 

Mein Vater z.B. packt, seitdem er wieder bei uns ist, jeden Tag seinen Koffer. Er ist der Überzeugung, daß sein Rückflug kurz bevorsteht. Die Gefühle meines Vaters sind real. Er meint es absolut ernst, wenn er seinen Koffer packt. Irgendwann hat mich das wütend gemacht, wenn ich morgens in sein Zimmer kam, und der am Abend zuvor von mir ausgepackte Koffer wieder einmal gepackt in der Ecke stand. Jeden Tag das gleiche Spiel - nur daß das für meinen Vater bitterer ernst war. Kurze Zeit darauf ließ ich den Koffer einfach in einem anderen Zimmer verschwinden. Was ich damit anrichtete, das kann man sich denken: Während wir in der Nacht schliefen, muß mein Vater so lange durch das Haus geirrt sein, bis er den Koffer gefunden hatte und dieser mich fein säuberlich gepackt am nächsten Tag wieder erwartete. Und täglich grüßt das Murmeltier... Ich verstand, daß man das "Problem" anders angehen mußte. Was steckte wirklich hinter der Kofferpackerei? Worum ging es meinem Vater eigentlich? Ich nahm mir Zeit, setzte mich zu ihm und stellte ihm simple Fragen. Was dabei heraus kam, darüber schrieb ich hier. Die Haselnußernte, bei der nahezu unsere ganze Familie zusammen kommt, das Gefühl gebraucht zu werden, mitzuhelfen, der Wunsch am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen... all das steckte also hinter der täglichen Kofferpackerei. Endlich... endlich verstand ich meinen Vater und wie er tickte. Das war eine sehr hilfreiche Lektion - für mich wohlgemerkt! Längst habe ich die Medikamente, die ich wöchentlich einteile, aus seinem Koffer geholt und woanders deponiert. Mein Vater kann ungehindert seinen gepackten Koffer im Blick haben, oder ihn kontrollieren. Der Streß ist raus. Alles ist gut!

Unter dem Begriff "integrative Validation" versteht man eine Begegnung mit Menschen auf "Augenhöhe". Menschen wie mein Vater verlieren mehr und mehr die Orientierung in der Gegenwart. Dabei wird die Bedeutung der Erlebnisse aus der Vergangenheit immer größer. Irgendwo las ich, daß man es sich folgendermaßen vorstellen könne: Der Demenzkranke ist auf einer Lichtung im Nebel. Unsere Realtität ist der Nebel. Bilder und Erinnerungen aus der Innenwelt des Kranken sind die Lichtungen. Für sie sind diese Innenwelten die wirkliche Realtät.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Wertschätzung. Die Erkrankten können sich nicht anpassen. Es sind wir anderen, die lernen müssen mit dieser Krankheit umzugehen.

In dieser Zeit habe ich viel mit den Söhnen über meinen Vater geredet. Natürlich bekommen sie aus nächster Nähe mit, daß ihr Dede oftmals wirre, auf den ersten Blick nicht nachvollziehbare Dinge tut. Dinge, die meist viel Arbeit nach sich ziehen. 
"Was liebt ihr an Dede?", frage ich sie eines Abends.
"Alles!", sagt Sohn1. "Daß er immer so nett ist, dein Papa und unser Opa ist. Ich bin froh, daß er lebt."
"Daß er da ist, ist schön.", sagt das kleine Kind...

Anfänglich hat mich das sehr mitgenommen, die stark fortgeschrittenen Defizite meines Vaters seit seinem letzten Besuch bis heute mitzubekommen. Über diese Defizite möchte ich hier ganz bewußt nicht schreiben. Warum? *Die Würde des Menschen ist unantastbar* Die eines abhängigen Kranken noch viel mehr. 

Inzwischen hilft es mir, mich an dem zu orientieren, was mein alter Herr noch kann. In der langjährigen Pflege meiner Mutter haben mein Vater und ich erleben dürfen, daß egal in welcher Krankheitsphase man sich befindet, es immer auch eine kostbare Essenz dessen gibt, die ausreichend ist, um innige Momente der Nähe und Liebe zu erfahren. Für diese Erfahrungen bin ich zutiefst dankbar.

Ich habe begriffen und verinnerlicht, daß ich die Antriebe und Gefühle meines Vaters ernst nehmen muß. Nicht genug damit, daß ich sie aufrichtig wertschätzen muß, um ihm gerecht werden zu können. Nur so kann mein Vater sich wahrgenommen und verstanden fühlen. Und geht es meinem Vater gut, geht es auch mir gut. So schließt sich der Kreis...

Es ist hilfreich für meinen Vater, wenn ich ihm in einfachen Sätzen von seiner Lebensleistung berichte: "Papa, du warst mir immer ein wunderbarer Vater. Du bist ein zuverlässiger Familienmensch. Du bist mir ein echtes Vorbild bis heute. Du hast ein so großes Herz voller Liebe. Daß wir deine Liebe spüren dürfen ist so ein großes Geschenk. Deine Enkel lieben dich. Dein Schwiegersohn schätzt dich. Du bist gebildet und hast in deinem Leben sehr vielen Menschen geholfen. Ich liebe deinen Humor. Mit dir kann ich lachen bis zur Ohnmacht. Ich liebe dich so sehr!" Das hilft meinem Vater in seinen verwirrten Phasen, sich in relevanten Schlüsselworten wiederzuerkennen. Ein Stück seines Lebens wird durch die kurzen Sätze wieder lebendig und nachspürbar. Manchmal sitzen wir nur schweigend nebeneinander. So oft es mich überkommt (und das ist oft ;-)), nehme ich meinen Vater in meine Arme und drücke ihn inniglich an mich. Mein Vater erwidert diese Umarmungen auf so intensive Weise, daß die Energie einen umhauen könnte. Wir sind dann elektrisiert und durchflutet von dieser tiefen Liebe. Und das tut nicht nur ihm, sondern auch mir unendlich gut.

"Ohoh... ", sagt mein Vater dann. "Das gefällt mir sehr!"
"Du vergißt dabei aber bitte nicht, daß ich deine Tochter bin...", sage ich.
Mein Vater kichert, und dann lachen wir, bis wir nicht mehr können.

Die positiven Effekte dieses wertschätzenden Umgangs sind unglaublich: mein Vater fühlt sich verstanden, er erfährt Nähe, Trost und Bindung... und ist lammfromm. Wenn Demenzkranke unfreundlich und aggressiv erscheinen, liegt das oft daran, daß sie Situationen nicht richtig deuten und erfassen können. An die Mär der "bösen Alten" glaube ich keine Sekunde mehr. Immer gibt es einen berechtigten Grund aus Sicht des Kranken, wenn es zum Eklat kommt. Da müssen wir, die wir noch gut funktionieren, beherzt uns an die eigene Nase fassen. Ich behaupte nicht, daß die Pflege meines Vaters ein Kinderspiel ist. Sollte man sich entscheiden und in der glücklichen Lage sein, die Pflege eines Demenzkranken zu Hause durchzuführen, dann sollte man sich keinesfalls scheuen, Unterstützung und Hilfe zu suchen und auch anzunehmen, wenn man an seine Grenzen gerät. Es gibt Beratungsstellen, ambulante Pflegedienste, Kurzzeitpflege, Betreuungsangebote und noch vielmehr. Man muß das nicht alleine bewältigen. Bisher haben wir nichts davon in Anspruch nehmen müssen. Mein Vater ist trotz der Schwere seines Zustandes sozusagen "pflegeleicht".

Ja, die Pflege meines Vaters ist kein Kinderspiel. Aber eines kann ich mit Bestimmtheit nach intensiven Monaten sagen: "Das ist eine sehr gehaltvolle Zeit. Wir Gesunden sind es, die von meinem Vater noch so viel lernen. Und das Leben geht mit Sicherheit davon nicht unter! In diesem Sinne: macht es gut und laßt die Liebe mehr denn je fließen."








08 Juli 2014

Von Hand zu Hand

 

 

 

 

 


Inzwischen habe ich die kleinen Stränge mit großem Genuß aufgewickelt. Auch habe ich schon etwas aus der zweitdünnen Wolle angefangen und dann doch wieder aufgeribbelt. Ja, auch Wolle kann einem etwas "sagen". Dafür braucht man es nur in die Hand zu nehmen. Babyschühchen werden nicht daraus gestrickt - soviel steht schon einmal fest. Aber etwas anderes habe ich bereits im Sinn. Später mal, wenn etwas mehr Zeit dafür ist.

Ursprünglich war sie nicht für mich gedacht, diese wunderschöne Wolle in den unterschiedlichen Stärken. Ich weiß aber, daß die Frau, die sie versponnen hat da ganz viel Leidenschaft, Genuß und Freude hat mit hineinfließen lassen. Und nun liegen diese Kostbarkeiten hier, bei mir. Ich habe sie ganz oft in meine Hände genommen und befühlt. Was daraus wird, das weiß ich noch nicht. Die Einfälle werden nicht lange auf sich warten lassen. Diese Wolle ist "ehrlich", ohne Schnickschnack, so zart und... griffig. Das mag ich.