20 Dezember 2014

The same procedure as every year

Meine Verstecke für die Weihnachtsgeschenke sind jedes Jahr so gut, daß ich kurz vor Heilig Abend panisch werde, weil ich nichts wieder finde.

19 Dezember 2014

A wie Abschied, oder Almanya wir kommen

Aufbruchsstimmung lag in der Luft. Meine Mutter und ich verbrachten Stunden damit, um uns tränenreich von unserer Familie zu verabschieden. Tage vorher hatte ich angefangen viele Bilder zu malen und kleine Zettel mit bedeutenden Liebesbotschaften an unsere Familie  zu schreiben. Diese versteckte ich sorgsam im Haus meines Onkels und seiner Frau – eigentlich überall: im Eisfach des Kühlschranks, im Portemonnaie meiner Tante, im Gewächshaus meines Onkels, unter diversen Kissen. Ich grub sogar welche in den Azaleen- und Fuchsien- Töpfen meines Onkels ein. Weitere legte ich unter die Teppiche, von denen ich mit Sicherheit wußte, daß sie spätestens  im Frühjahr wieder auf der Teppichstange im Freien ausgeklopft würden. 
 
Noch heute frage ich mich, wen ich mit dieser Aktion mehr trösten wollte – meine Familie, oder vielleicht doch nur mich selbst…

Was ich über Almanya wußte, das war überschaubar. Meine Mutter hatte meinem Vater und mir von dort regelmäßig Briefe geschrieben, wo sie die Umgebung, die Arbeit, ihre Unterkunft und ihre Mitbewohner beschrieb. Auch kamen einige Male Päckchen mit Glitzerbildern zum Aufkleben, Ausmalbücher und verschiedene Stifte für mich an. Diese glitzernden Bildchen hatte ich zuvor noch nie gesehen und klebte sie gewissenhaft in ein eigens dafür angeschafftes Heft ein. 

Bei unserer Abreise trug ich meine neue Kapuzen-Jacke, die meine Mutter mir einige Monate vor ihrer Ankunft zum Schulanfang geschickt hatte. Aus den Gesprächen der Erwachsenen hatte ich schon einiges gehört, und doch dachte ich mir nichts weiter dazu. Nur daß ich nach einigen Wochen meinen Vater wieder sehen würde, das fand ich fabelhaft. Überwältigt war ich von dem Gedanken, in kürze meine beiden Eltern wieder um mich zu haben. Lediglich das war in meinem Fokus. Daß ich mit eben  dieser Reise zeitgleich meine ganze Familie loswurde, das hatte ich überhaupt nicht im Blick..

Den Fensterplatz im Flieger hatte meine Mutter mir überlassen, damit ich so viel wie möglich aus dem kleinen Fenster sehen konnte. Immer wieder hatte ich sie gefragt, wann wir denn  endlich da wären. Am Ende schlief ich über diese Frage ein.  Als ich irgendwann wieder kurz wach wurde, war es draußen finster. Man konnte nichts sehen… bis auf das Feuer.  Als ich aufgeregt darauf zeigte und  gut hörbar meiner Mutter von dem Feuer erzählte, drehten sich viele Köpfe zu uns um. Bald darauf schaute ich in erleichtert lachende Gesichter. Meine Mutter erklärte mir die flackernden Lichtsignale an der Tragfläche unseres Flugzeugs. Beruhigt lehnte ich mich halb rüber auf ihren Schoß und schlief sofort wieder ein. 

Wir hatten eine Zwischenlandung auf unserer Weiterreise. Ich nehme an, daß das in Istanbul war – erinnern kann ich mich nicht mehr daran. Wie dem auch sei hatten wir ziemliches Pech. Denn in die Turbine des Fliegers, mit dem es weiter gehen sollte, war ein Vogel geraten. Mit vielen anderen Reisenden übernachteten wir gezwungenermaßen in der Flughafenhalle. Alles zog sich ewig hin. An den weiteren Flug habe ich keinerlei Erinnerungen mehr. Nur daran, daß wir nach einer Ewigkeit des folgenden Tages sehr erschöpft in Almanya ankamen. Der Flughafen war riesig. Und doch entdeckte ich ihn sofort durch eine winzige Lücke zwischen Stellwänden und rannte geradewegs durch die Absperrung in die Arme meines Vaters, der mich erst stürmisch an sich drückte und dann wieder hinter die Absperrung zu meiner Mutter schickte. Nachdem wir durch die Paßkontrolle hindurch waren, nahmen wir uns erneut euphorisch in die Arme und ließen einander kaum noch los. Mein Vater hatte einen türkischen Bekannten dabei, in dessen Wagen wir stiegen, und der uns zu unserem neuen Zuhause fuhr. 

Almanya... das hatte ich begriffen, war weit weg und schwer zu erreichen. Ich war einfach nur selig, daß wir wieder vereint waren. Alles andere war erst einmal egal. Vor lauter Erschöpfung schlief ich während der langen Autofahrt erneut ein. Nicht die geringste Ahnung hatte ich davon, was mich noch erwartete.

15 Dezember 2014

Querbeet

 

Einen letzten ausgedehnten Spaziergang bei Nebel und viel zu milden Temperaturen haben wir vor einiger Zeit gemacht - bevor Stürme und Dauerregen einsetzten.

 

Mögt ihr auch Nebeltage? 

 

Die "ausgereiften" Kaki in unserem Garten. Leider handelt es sich dabei um die wilde Form, die beim Essen einen pelzigen Geschmack im Mund hinterläßt. 


Hier könnt ihr im Vergleich zu meinen Fingern sehen, wie winzig klein die Früchte geblieben sind. Aber den Vögeln ist das ziemlich egal. So haben sie immer noch reichlich, wovon sie naschen können.


  Es wurde viel gebastelt. Neben vielen anderen Dingen stammen die diesjährigen Advents- und Weihnachtskarten von den kleinen Herren.

 

Der hiesige Weihnachtsbaum wird bis auf die roten Kugeln immer mit den selbst hergestellten Sachen der Kinder geschmückt. Jedes Jahr kommen einpaar neue Basteleien hinzu, die sich am Baum wieder finden lassen. Manches löst sich nach Jahren auf und wird entsorgt. Dieses Jahr gibt es einpaar rote Herzen und gelbe Sterne, die die kleinen Herren unbedingt aus Filz nähen wollten. Bitte schön!


Mit den "schrägen Vögeln" bin ich derweil in Massenproduktion gegangen. Ein nettes Mitbringsel, wie ich finde. Einige befinden sich auf Wanderschaft und sind in den Süden ausgeflogen. Die hier sind aus Holzmachè, und nicht aus Pappmachè. Das Material liebe ich geradezu, auch wenn es sich schwer schleifen läßt.


 Hier beim Trocknungsvorgang.

 

Wenn hier einer von uns gesundheitlich angeschlagen ist, dann ist das in der Regel halb so wild. Frißt und trinkt der Kater aber ganze vier Tage lang nichts, so stehen alle Kopf. Zum Glück kenne ich inzwischen eine kompetente Fachfrau aus Süddeutschland, die mir mit hilfreichen Tipps unter die Arme greifen konnte. Danke Luisa!!! Ohne dich hätten wir das hier weniger gut durchgestanden. Wie sehr man doch an einem Tier hängen kann...

11 Dezember 2014

In der Schwebe


Draußen ist es kalt und dunkel geworden. Der Regen peitscht gegen das Dachfenster, ein Sturm tobt um das Haus herum und läßt die Rollos laut hörbar scheppern. Die Jungs haben einen heißen Kakao getrunken, und Sohn1 hantiert noch in der Küche herum. Sohn 2 hat sich an meine rechte Seite gelegt und sein zarter Körper schmiegt sich an mich. “Mama, noch mal! Lies die Geschichte noch mal. Das, wo du den Tannenbaum in die Wohnung geschleppt hast…“ Fast fallen mir die Augen zu: „Teilweise lag noch Schnee auf den Zweigen, welcher nach und nach…“ Kater Mautz streckt sich genüßlich, bevor er sich erneut zu unseren Füßen zusammen kringelt und zufrieden weiter döst. Ich kann die Augen kaum noch offen halten. „Mama, weiter lesen!“, stupst mich das kleine Kind an. Inzwischen liegt Sohn1 auf meiner linken Seite. Ich bin derart eingekeilt, daß ich mich kaum noch rühren kann. „Nochmal von vorn bitte!“, sagt Sohn1. Ich lese die Geschichte noch einmal ganz von vorn. Zwischendurch werde ich immer wieder unterbrochen, und es prasseln die Fragen nur so auf mich herab. „Mama, wie war das damals, als du nach Deutschland kamst? Wer hat dich da abgeholt? Weißt du noch, wie das war?“ 

Ich muß kurz innehalten. Mittlerweile bin ich hellwach. Vor meinem geistigen Auge rauschen Bilder vorbei. Fast ist mir, als hörte ich die Geräusche von einst, und könnte diesen unvergleichlichen Duft tatsächlich noch einmal einatmen. „Mama…!“, reißt mich das Kind aus meiner Gedankenwelt. „Erzähl doch, wie war das da?!“

Ich hole tief Luft und fange an zu erzählen.

Ich kauerte unter dem Tisch. 

Seit Tagen herrschte freudige Aufgeregtheit. Die Erwachsenen tauschten sich nur noch darüber aus, wie es sein würde, wenn sie kommt. Hier und da bekam ich Wortfetzen mit. Alle sprachen mit gedämpften Stimmen, als wollten sie die zum Bersten gespannte Atmosphäre nicht noch mehr anheizen. Mit der Zeit nahm das Stimmengewirr zu, und ich ahnte: Es ist soweit. Sie mußte in den Hausflur eingetreten sein. Obwohl alle so viel lauter sprachen als vorher, verstand ich nicht ein einziges Wort. Es war, als hätte mir jemand plötzlich die Ohren zugepfropft. Ich hörte mein eigenes Blut durch meine Adern rauschen. Der Moment, auf den ich voller Sehnsucht gewartet hatte, er war endlich da. Noch immer hockte ich unter dem Tisch. Es gab nichts, wo ich mich in dem kleinen Wohnzimmer sonst hätte verstecken können. Mein Herz schlug wild, als wollte es meinen Brustkorb sprengen. Die Tür zum Wohnzimmer wurde behutsam geöffnet, und gefolgt von vielen anderen betrat sie meinen Namen rufend den Raum. 

Das Erste, was ich von meiner Mutter sah waren ihre Hosenbeine und Füße auf hohen Schuhen. Bei dem Wohlklang ihrer Stimme geriet alles in mir in Aufruhr und die Situation, die ich mir unzählige Male in meiner Phantasie ausgemalt hatte, vollends außer Kontrolle. Ich preschte unter dem Tisch hervor und warf mich schluchzend in ihre Arme. Ganz so hatte ich mir das nicht vorgestellt… Während ich wie eine Klette an meiner Mutter hing und mein Gesicht in ihrer Mähne vergrub, küßte und koste sie mich unaufhörlich. Ich nahm wahr, daß sie in ihrer so liebevollen Art zu mir sprach und mich sachte streichelte dabei, aber ich verstand noch immer nichts. Ich konnte sie noch nicht einmal richtig sehen, da meine Augen immer wieder von Tränen überschwemmt wurden. Bei jedem Atemzug sog ich ihren unverkennbaren Duft ein. Vor Rührung waren alle um uns herum verstummt, nur ich schluchzte unaufhörlich. Sehnsucht, Wiedersehensfreude, Schmerz – alles bahnte sich seinen Weg hinaus und entlud sich in dieser ersten Begegnung nach den längsten vier Monaten meines kurzen Lebens. 

„Mama, bei wem warst du nochmal, als deine Eltern schon in Deutschland waren?“ 

„Ich lebte bei einem Bruder von meinem Vater, und dessen Familie. Das waren sehr liebe Leute, die alles in ihrer Macht stehende taten, um mich meinen Kummer vergessen zu lassen. Das vergesse ich ihnen nie. Aber es ist, wie es ist: ein Kind gehört zu seinen Eltern. Egal, wie gut sie es machten, ich vermißte meine Eltern sehr.“



Hier schrieb ich schon einmal etwas dazu:

http://2papatyam.blogspot.de/2013/08/wurzeln.html
   
"Warum haben dich deine Eltern denn nicht gleich mitgenommen?"

"Oh, das hätten sie bestimmt gerne getan, aber erst einmal durfte nur derjenige als Gastarbeiter einreisen, der kerngesund war und seine ungebrochene Arbeitskraft Deutschland zur Verfügung stellen konnte. Dede hatte leider Nierensteine und mußte die erst einmal loswerden. Ich war also nicht komplett ohne meine Eltern in der Türkei. Meine Mutter reiste als Erste nach Deutschland. Wenige Monate später konnte euer Dede ihr folgen. Bis dahin hatte ich wenigstens noch meinen Papa. Ich hatte Glück und hatte nur wenige Wochen ohne beide Eltern. Anderen Kindern ging es da deutlich schlechter.

Sie wurden hin- und hergeschickt - zwischen zwei Ländern, zwischen leiblichen Eltern und Ersatzmüttern. Sie wurden zu sogenannten Kofferkindern. Die seelischen Narben sind bis heute nicht verheilt. "Wir haben sie Mama und Vater genannt, aber wir waren uns fremd." Bilge Toyran (48) war zweieinhalb Jahre alt, als ihre Eltern nach Berlin zogen und sie mit ihrer Schwester in Istanbul zurückließen. Sie hat heute keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. "Es ist schwer, ohne Eltern aufzuwachsen. Wir waren nicht liebelos, aber die Mutter- und Vaterliebe, die fehlte." Zehn Jahre lang lebte der Stahlwerker Ayhan Zeytin (48) getrennt von Mutter und Vater in einem kleinen türkischen Dorf. Erst als Erwachsener kann er offen mit den Eltern über seine traurige Kindheit sprechen. "Nicht genug geliebt zu werden, das trage ich immer noch mit mir. Das hat viel mit dieser Kindheit zu tun." Menekse Toprak wächst mit ihren Geschwistern in einem anatolischen Dorf auf. Sieben Jahre lang sieht sie ihre Eltern nur in den Sommerferien. Einziger Kontakt sind Briefe. Heute ist Menekse Toprak eine erfolgreiche Journalistin und Schriftstellerin, die sowohl in Berlin als auch in Istanbul lebt. Die drei Gastarbeiterkinder sind die Hauptprotagonisten der Radio-Bremen-Dokumentation und brechen in diesem Film als Erwachsene das Schweigen über ihre schmerzhaften Kindheitserfahrungen. Fast jede türkische Familie, die heute in Deutschland lebt, ist betroffen. Denn der Nachzug von Familienangehörigen war im 1961 geschlossenen Anwerbeankommen zwischen Deutschland und der Türkei zunächst ausdrücklich ausgeschlossen worden. Erst Jahre später durften auch Familienangehörige nachkommen. Dann verschärfte der Anwerbestopp von 1973, vor 40 Jahren, die Situation der Kinder. Die gerade in Deutschland halbwegs heimisch gewordenen Jugendlichen mussten nun wieder die Koffer packen und mit der ganzen Familie zurück in die fremd gewordene Türkei ziehen. Die Autorin Anke Kültür begleitet Ayhan Zeytin auf seiner Reise von Delmenhorst ins türkische Dorf zu seinen Eltern, trifft Bilge Toyran mit ihren Söhnen in Berlin und lernt das Leben der Schriftstellerin Menekse Toprak zwischen Istanbul und Berlin kennen. Nur in einem Fall sprechen die Eltern mit ihren nunmehr erwachsenen Kindern und vor der Kamera über ihre Beweggründe von damals und ihre Schuldgefühle von heute. Film von Anke Kültür


Sehenswerte Dokumentation:



 

02 Dezember 2014

Oh Tannenbaum



Vor vielen vielen Jahren, als ich nach Deutschland kam, da war Winter. Obwohl ich einer Region der Türkei entstamme, in dem Schneemassen im Winter und Temperaturen bis -20°C keine Seltenheit sind, kam mir der erste deutsche Winter noch eisiger vor, als alle anderen davor. Das erste Jahr Weihnachten war irgendwie an mir vorrüber gerauscht, zu sehr war ich mit neuen Buchstabenkombinationen beschäftigt, die ich aus dem Türkischen nicht kannte. "Sch" war so etwas, das bei uns mit nur einem Buchstaben ausgedrückt wurde - der Buchstabe "S", allerdings mit einem Häkchen drunter. Und das "X" bereitete mir Kopfzerbrechen: meine deutschen Klassenkameraden konnten im Gegensatz zu mir Schreibschrift. Mühsam mußte ich das aufholen, was mich zur gänzlich fehlenden Sprache zusätzlich anstrengte. Wo und wie verband man dieses verflixte "X" mit anderen Buchstaben? Geduldig nahm sich meine erste Lehrerin u.a. meiner an. Noch heute sehe ich vor meinem geistigen Auge, wie sie mit ihrem knöchernen, alten Finger auf die zu lesenden Zeilen in meinem Buch zeigte und mich dabei freundlich auffordernd anblickte. Buchstabenkombinationen, die mir unaussprechlich waren, sah ich da. Manchmal war ich den Tränen nahe und der Ansicht, ich würde diese Hürden nie bewältigen können. Stundenlang still sitzen, zuhören, trotzdem ich kaum etwas verstand - das war mehr als ich ertragen konnte. Ich stand vor einem Riesenberg von Dingen, die mir nur Schwierigkeiten bereiteten. Unter meinem ersten Diktat, ein Din A5 Blatt, stand: "25 Fehler - Prima M., weiter so!" 

Es passierte, was passieren mußte: ich suchte das Weite! Morgens verließ ich ganz normal unsere Wohnung und machte mich mit meinem Schulranzen auf den Schulweg. Allerdings machte ich auf etwa halbem Wege einen Schlenker und landete auf einem großen Spielplatz, wo ich ganz alleine meine Schulstunden verstreichen ließ. Danach kehrte ich völlig sorglos wieder Heim. Das machte ich einpaar Tage lang. Als ich eines Mittags nach Hause kam, saßen meine Mutter und meine Lehrerin bei einem Tee zusammen. Erstaunt blickte ich in freundlich lächelnde Gesichter. Mein Exkurs zog nach sich, daß mein Vater mich nun morgens höchstpersönlich bis zu meiner Klasse begleitete. Der morgendliche Weg an der Hand meines Vaters war sehr vergnüglich, und manchmal durfte ich für zehn Pfennige einen Kaugummiautomaten bedienen, was für mich ein zusätzliches Schmankerl war. 

Nur ein halbes Jahr später sah alles deutlich anders aus. Ich hatte die deutsche Sprache nicht nur entschlüsselt, ich sprach sie sogar akzentfrei. Die zweite Klasse übersprang ich und konnte nun mühelos mit allen mithalten. Ich hatte mich akklimatisiert und nahm nun ganz andere Dinge um mich herum wahr. Inzwischen waren wir aus unserem Ein-Zimmer-Appartement ausgezogen. Was wir besaßen, das paßte in zwei Koffer und wenige Plastiktüten. Während wir zu Fuß unseren Umzug machten, brüllte ein uns fremder Passant von der gegenüberliegenden  Straßenseite zu: "Ey, seid ihr mit euren Türken-Koffern unterwegs?" Ich verstand nicht wirklich, was der Mensch uns sagen wollte. Nur, daß es nicht etwas wirklich Nettes war, das fühlte ich. Wir beachteten denjenigen nicht weiter und gingen schweigend die Straße entlang zu unserer neuen Vier-Zimmer-Wohnung. 

Ja, inzwischen nahm ich ganz andere Dinge wahr. Weihnachten war auch so etwas. Während alle meine Klassenkameraden Weihnachten entgegenfieberten und sich auf massenhaft Geschenke freuten, war ich die Ruhe selbst. Manchmal bin ich heute noch verwundert darüber, daß mir und auch meinen anderen türkischen Freunden das Fehlen von Geschenken in dieser Zeit nichts ausgemacht hat. Das war das Fest der Deutschen, und wir hatten andere. Neid gab es nicht. Nur eine Sache fand ich wunderschön, und das ließ mir keine Ruhe: der Tannenbaum. Immer am Ende des Jahres stellten die Deutschen mitunter riesige Bäume in ihren Wohnzimmern auf und schmückten diese. Wie verrückt war das denn?! Wenn wir also auf auf Heimaturlaub waren und mich unsere Familie in der Türkei nach unserem Leben in Deutschland ausfragte, holte ich weit aus und erzählte immer auch von dieser Zeit mit den Tannenbäumen in den Wohnungen und Häusern, den vielen Lichtern, dem glänzenden Weihnachtsschmuck in den Schaufensterauslagen und Straßen. Das hatte was! Ich liebte die Weihnachtsfeiertage, weil die Straßen und das Leben so unbeschreiblich friedlich anmuteten. Die Stille war wunderschön. Oft genug stromerte ich durch die nahegelegenen Straßen, nur um noch einen Blick in die Wohnungen zu erhaschen, wo meist gut sichtbar ein herrlich geschmückter Tannenbaum stand. 

Zum Ende meiner Grundschulzeit hin war der Gedanke in mir ausreichend herangereift. Die Weihnachtsfeiertage waren vorüber, aber das war egal. Das Objekt meiner Begierde lag direkt vor meiner Nase und das massenhaft: Tannenbäume, wohin ich auch blickte. Sie hatten ausgedient und wurden einfach weggeworfen.

Unsere Altbau-Wohnung hatte wahnsinnig hohe Decken. Mit so einem kleinen Bäumchen brauchte man erst garnicht anzukommen. Ich griff nach dem allergrößten und leider auch schwersten Tannenbaum. Teilweise lag noch Schnee auf den Zweigen, welches nach und nach bei meinem Gezerre auf die Straße herab rieselte. Blut und Wasser schwitzend schleifte ich den Riesen über mehrere Etagen in unsere Wohnung. Als Standort suchte ich jene Ecke aus, auf die der Blick sofort fiel, wenn man den Raum betrat. Mit größter Mühe richtete ich ihn auf, so daß er in Schräglage an der Zimmerecke lehnte. Nackt und naß mit gerupften Zweigen stand er da. Die Schleiferei hatte deutliche Spuren hinterlassen: etliche Zweige waren verbogen, und er hatte reichlich Nadeln verloren. Erschöpft betrachtete ich den Baum. Nochmals rannte ich runter auf die Straße und sammelte alles Lametta, was ich finden konnte. Oben schmückte ich alle Zweige, an die ich heranreichen konnte und befestigte überall Äpfel und Bananen. Das hatte ich so schon mal gesehen - zumindest auf die Äpfel traf das zu. Erwartungsvoll saß ich auf dem Sofa und betrachtete mein Werk. Beinahe platzte ich vor Stolz. Als meine Eltern unsere Wohnung betraten, blieb mir vor lauter Aufregung fast das Herz stehen: Wie würden sie reagieren? Was würden sie sagen?

Im Nachhinein kann ich sagen, daß meinen Eltern in ähnlicher Weise das Herz stehen blieb, als sie dieses triefende, arg mitgenommene Ungetüm in der Ecke des Raumes bis zur Decke ragen sahen. "Was...? Wie...? Hast du den etwa alleine hier hochgeschleppt??" Das waren die ersten Sachen, an die ich mich erinnern kann. Dann folgte viel Gelächter und Heiterkeit. Der Baum durfte noch eine ganze Weile bleiben. Er war der Erste und Letzte seiner Art für sehr lange Zeit. 

Bald ist es wieder so weit. Da mein Ehemann ein Deutscher ist, gibt es nun auch immer einen Tannenbaum, den wir alle gemeinsam aussuchen gehen. Und heute Abend wird das kleine Kind als Leseübung diese Geschichte vorlesen. Für unsere Kinder ist es sehr spannend zu erfahren, wie so manches früher war, als ihre türkischen Großeltern und ihre Mama nach Deutschland kamen.